Kontakt- und Informationsstelle Selbsthilfegruppen in Mittelfranken
Sind Selbsthilfegruppen zeitgemäß?
Was meinen Sie?
die Ausgabe 1/2009 des kiss-Magazins beschäftigt sich in erster Linie mit dem Verhältnis Junge Leute / Selbsthilfegruppen.
Ich glaube, dass in sehr vielen Gruppen darüber nachgedacht wird und habe hier einige - zugegeben provokante - Überlegungen zu Papier gebracht:
Es ist vielleicht in meinem Alter (56 Jahre) nicht unmöglich, jedenfalls aber schwierig, sich in die Lebensart einer/s 25jährigen hineinzudenken.
Im Umgang mit unseren drei Töchtern, mittlerweile zwei Schwiegersöhnen und deren Freunden und Bekannten habe ich Folgendes gelernt: Heutzutage ist man gewöhnt, das, was man will oder braucht (und sich leisten kann) zu jeder Zeit sofort bekommen zu können.
Die Möglichkeiten dazu ergeben sich vor Allem durch die mittlerweile umfassende Online-Vernetzung. Wenn ich nachts um drei eine Information brauche, schalte ich meinen Computer ein und habe das Gewünschte innerhalb weniger Sekunden. Wenn ich abends um halb elf ausgehen möchte, rufe ich Bekannte auf ihrem Handy an, frage, wo sie gerade sind und gehe dort hin. (Ich stelle bei mir selbst fest, dass ich solche Möglichkeiten zunehmend auch benutze, sie aber wahrscheinlich mein Leben lang als Ausnahmen empfinden werde).
Wem ein solcher Organisationsstil selbstverständlich geworden ist, der wird kaum bereit sein, sich auf Jahre hinaus auf einen festen Termin „Gruppenabend immer Donnerstags um 19:00 Uhr“ festlegen zu lassen. Nicht, weil sie/er nicht „will“, sondern weil ihr/ihm Solches schlicht fremd ist.
Ich verdeutliche das veränderte Verhalten einmal am Erfolg des Streetworking: Wenn jemand den Typen zufällig trifft, kann sich daraus durchaus spontan ein langes Gespräch ergeben. Würde der Streetworker aber darauf bestehen, dass man mit ihm einen Termin nächste Woche Mittwoch um fünf ausmachen soll, hätte er ganz schlechte Karten und würde todsicher nächsten Mittwoch vergeblich warten.
Die beschriebene veränderte Lebensorganisation ist meines Erachtens die hauptsächliche Ursache, dass Sport- und andere Vereine, politische Parteien, Laienorchester, Hobbychöre und eben auch Selbsthilfegruppen über Nachwuchssorgen klagen.
Wir dürfen nicht übersehen, dass Menschen, für die die oben gezeigten „neuen“ Möglichkeiten zum alltäglichen Leben gehören – und das ist mittlerweile mehr als nur eine Generation – jetzt gerade ein völlig anders strukturiertes (Zusammen-)Leben kreieren! Wir können uns nicht hinstellen und sagen: „die machen da etwas falsch“. Schon gar nicht können wir ihnen Oberflächlichkeit vorwerfen. Die Themen (Probleme) werdenmnur einfach völlig anders bearbeitet, als wir es gewohnt waren.
Es steht zu erwarten, dass auch das Instrument Selbsthilfe sehr bald ganz anders aussehen wird, als wir es kennen. Nur weiß ich auch nicht wie. Ich halte das aber für normal, weil ich mir noch vor 10 Jahren auch keine Vorstellung davon machen konnte, wie heutzutage ein Lexikon aussieht (Wikipedia).
Alle Themen, mit denen sich Selbsthilfegruppen beschäftigen, werden inzwischen in entsprechenden Internet-Foren und Chat-Rooms behandelt. Das – teils berechtigte – Misstrauen gegenüber solchen Instrumenten wird sich in Kürze erübrigen. Die sogenannte „Community“ (so bezeichnet sich die Gesamtheit der Internetbenutzer selbst) hat schon viel schwierigere Probleme in den Griff bekommen.
Eine Lösung im Sinne der Weiterführung des Althergebrachten kann ich nicht sehen. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass der persönliche Kontakt, der eben nur durch organisierte Treffen möglich ist, unverzichtbar zu einer wirkungsvollen Selbsthilfe gehört. Daher müssen wir uns alle Mühe geben, potentielle Gruppenmitglieder durch die Medien, die ihnen vertraut sind, auf unsere Gruppen aufmerksam und neugierig zu machen. Einfach im Internet die Termine der Gruppentreffen aufzulisten, wird da zu nichts führen.
Auf der Internetseite unserer Selbsthilfegruppe habe ich einen ersten bescheidenen Versuch gestartet und mal beschrieben, was jemanden eigentlich erwartet, der zu uns kommt. Ich denke, in dieser Richtung müssen wir weiterarbeiten und zuerst auf diesem und ähnlichen Wegen uns „interessant machen“. Solange uns kein neues Instrument eingefallen ist, als unsere Gruppen, müssen wir „Networker“ sein und erste Hilfen gut auffindbar im Internet anbieten, die dann – vorerst noch – den Weg in unsere Gruppen weisen. Die Schwellenangst abzubauen indem wir authentisch beschreiben, was eigentlich in so einer Selbsthilfegruppe vor sich geht, ist meines Erachtens ein sinnvoller erster Schritt.
Konrad Hempel, Suchthilfe Eckental und Umgeb. e.V. (2. Vorsitzender)